Von Rumi bis zu Reimen
Ein Blick hinter die Kulissen der Rap- und Poesie-Veranstaltungen in der lilipad-Bibliothek in Berlin.

Oft hörte man die Stimmen schon, bevor man die Tür erreichte. Gelächter hallte durch den Flur. Ein Rhythmus klopfte gegen den Tisch. Kinder probierten Reime aus und wiederholten die Zeilen, bis die Worte endlich richtig saßen. In unserer Bibliothek an der GU Britz ist die übliche Stille eines Lesesaals durch etwas Musikalischeres ersetzt worden.
Im Mittelpunkt steht Taha, 6aha Aiwa, ein syrischer Rapper, Texter und Produzent aus Aleppo. Für ihn war Musik schon immer mehr als nur Klang: „Musik war für mich schon immer wie meine Muttersprache“, sagt er. „Sie ist das, was mich auf meiner Reise aus Syrien begleitet hat und mir geholfen hat, ein Gefühl dafür zu bewahren, wer ich bin.“ Seit 2007 aktiv, gründete er 2016 in Berlin die Band والدالعم (Wladalamm). Mit sechs Alben im Gepäck verbindet seine Musik elektronische Klänge, arabischen Rap und zeitgenössische Poesie und beschäftigt sich mit Themen wie Exil, Nostalgie und Identität. Seine Texte spiegeln eine philosophische Reise durch metaphysische Landschaften und die innere Psychologie wider. 6aha Aiwa arbeitet weltweit zusammen und ist überzeugt, dass arabischer Rap eine einzigartige Sozialkritik transportiert, die Dialekte und Stimmen von der Straße vereint.

Musik, Sprache und Zugehörigkeit
Bei Lilipad leitet Taha Kurse, die das Erlernen der arabischen Sprache mit Musik und Geschichtenerzählen verbinden. Der Ansatz ist einfach, aber wirkungsvoll: eine spielerische Umgebung zu schaffen, in der Kinder die Sprache erkunden können. „Mein Ziel ist es, eine herzliche, spielerische Umgebung zu schaffen, in der Kinder sich sicher fühlen, sich auszudrücken“, erklärt Taha. „Vor allem in ihrer Muttersprache.“ Ein Moment zu Beginn seiner Workshops ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Er stellte fest, dass viele der Kinder weder Arabisch lesen noch schreiben konnten. „Das war schwer mit anzusehen“, sagt er. „Sprache ist nicht nur Grammatik oder Buchstaben – sie ist eine Möglichkeit, sich auszudrücken und sich in der eigenen Geschichte zu Hause zu fühlen.“

Inspiriert vom poetischen Erbe von Schriftstellern wie Rumi regen die Workshop-Sitzungen Kinder dazu an, mit Sprache zu experimentieren und dabei den Rhythmus und die erzählerische Kraft des Hip-Hop zu entdecken. Was mit spielerischen Übungen, Klatschrhythmen, dem Improvisieren von Zeilen und dem gemeinsamen Erfinden von Reimen beginnt, entwickelt sich nach und nach zu etwas Ehrgeizigerem.
Über mehrere Wochen hinweg beginnt die Gruppe, gemeinsam einen Song zu schreiben. Ideen sprudeln im Raum, Strophen werden umgeschrieben, der Beat ändert sich, jeder leistet seinen Beitrag. Langsam nimmt ein gemeinsames Werk Gestalt an.

Die Abschlusspräsentation
Nach wochenlangem Schreiben, Proben und Verfeinern ihrer Texte erreichte das Programm einen spannenden Höhepunkt: eine öffentliche Aufführung bei Refuge Worldwide, dem Berliner Community-Radio und Kulturzentrum.
Für viele der Kinder war es das erste Mal, dass sie vor Publikum auftraten. Gemeinsam auf der Bühne stehend, führten sie das Lied auf, das sie während der Workshops geschaffen hatten. Der Abend bot noch ein weiteres besonderes Highlight: Marina vom Ātma Portrait Studio war mit ihrem mobilen Fotostudio vor Ort und gab den jungen Darstellern die Möglichkeit, den Moment auch abseits der Bühne festzuhalten. Marina arbeitete über ein Jahrzehnt in der Tech-Branche, bevor sie 2023 das Ātma Portrait Studio gründete – einen Raum für Selbstporträts, der Menschen dabei helfen soll, sich selbstbewusst, entspannt und gesehen zu fühlen. Was als persönliches Leidenschaftsprojekt begann, hat sich seitdem zu einem mobilen, gemeinschaftsorientierten Studio entwickelt, das eine unglaubliche Bereicherung für unsere Workshops und Veranstaltungen darstellt.

Für Lilipad sind Programme wie „Rap & Poetry“ Teil eines umfassenderen Ansatzes zum Geschichtenerzählen. In den Bibliotheken entdecken die Kinder viele Formen des kreativen Ausdrucks, von Kalligraphie und Graffiti bis hin zu Fotografie, Theater und Musik. Doch das Prinzip bleibt dasselbe: Jedes Kind verdient die Chance, seine Geschichte auf seine eigene Weise zu erzählen.
Ein herzliches Dankeschön an alle, die dazu beigetragen haben, dieses Programm zu ermöglichen: Unser tiefster Dank gilt allen Künstler*innen und Moderator*innen, die die Workshops mit Kreativität, Sorgfalt und Einfühlungsvermögen geleitet und einen Raum geschaffen haben, in dem sich die Kinder sicher fühlten, mit Sprache und Performance zu experimentieren. Wir danken auch Refuge Worldwide für die Ausrichtung der Abschlussvorstellung und für die Unterstützung der Veranstaltung mit ihrer Tontechnik-Expertise. Dieses Programm wurde durch die großzügige Unterstützung des Projektfonds Kulturelle Bildung ermöglicht, dessen Engagement für kulturelle Bildung jungen Menschen in ganz Berlin weiterhin kreative Möglichkeiten eröffnet.

Quellenangaben:
Organisiert von lilipad e.V.
Workshops unter der Leitung von Taha Sheikh Dieh, Nicky Böhm, Sorah und The Poetry Project
Unterstützt vom Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung
Veranstaltungsfotos von Cormac Dunne
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