Calligraffiti – Jenseits der Straßen

Ein Blick in die Calligraffiti-Workshops von lilipad in Berlin.

An einem ganz normalen Nachmittag in unserer Bibliothek in der GU Britz beginnt eine stille Verwandlung. Auf den Tischen werden Skizzenbücher aufgeschlagen. Filzstifte klicken. Kinder beugen sich über ihre Seiten und zeichnen sorgfältig die fließenden Formen arabischer Buchstaben nach. Doch was als Kalligraphie beginnt, verwandelt sich bald in etwas ganz anderes.

Willkommen bei Calligraffiti – wo traditionelle arabische Kalligraphie auf die ausdrucksstarke Energie der Graffiti-Kultur trifft

Die lilipad-Bibliothek in der GU Britz befindet sich in einer der größten Flüchtlingsunterkünfte Berlins, in der mehr als 250 Kinder unter beengten Verhältnissen leben. Für viele von ihnen ist der Zugang zu ruhigen Orten, Büchern und kulturellen Angeboten nach wie vor eingeschränkt. Die lilipad-Bibliotheken wollen das ändern.

In der Bibliothek reihen sich mehrsprachige Bücher in den Regalen aneinander, und die Kinder können dort lesen, malen, spielen oder einfach nur in einer ruhigen Umgebung Zeit verbringen. Doch neben den täglichen Vorlesestunden verwandelt sich der Raum regelmäßig in etwas Dynamischeres: einen Ort für künstlerisches Entdecken.

Tradition und zeitgenössische Kultur verbinden

Das Calligraffiti-Programm ist Teil unseres umfassenden Ansatzes für Storytelling-Workshops: Wir verbinden traditionelle Kunstformen mit zeitgenössischer Kultur, um zugängliche Wege zum kreativen Ausdruck zu schaffen. Calligraffiti ist eine zeitgenössische Kunstform, die das expressive Flair von Graffiti mit der Eleganz der Kalligraphie verbindet und so eine einzigartige Bildsprache schafft, die Tradition und Moderne miteinander verbindet. Verwurzelt in der klassischen islamischen Kalligraphie, verwandelt es arabische Schriftzeichen in dynamische urbane Kunstwerke, die oft Botschaften zu sozialen Themen vermitteln. Diese Verschmelzung ermöglicht es Künstlern, das kulturelle Erbe im öffentlichen Raum neu zu interpretieren, was Calligraffiti zu einem kraftvollen Medium für persönlichen und politischen Ausdruck macht.

Für die am Programm teilnehmenden Kinder eröffnet diese Verschmelzung neue kreative Möglichkeiten. Unter der Anleitung des Künstlers Mohammad Mhanna erkundeten die Teilnehmer, wie Buchstaben verwandelt werden können. Einige Kinder begannen damit, ihre Namen zu schreiben; andere experimentierten mit Lieblingswörtern, Symbolen oder abstrakten Formen. Mhanna, alias MOESTR, ist ein Calligraffiti-Künstler, der für seine einzigartige Verschmelzung traditioneller arabischer Kalligraphie und zeitgenössischer Graffiti bekannt ist. In seinen Werken manipuliert und verformt er Buchstaben meisterhaft, wobei er die heiligen Regeln der Kalligraphie einhält und gleichzeitig einen modernen Fluss einfließen lässt. Mit seiner Leidenschaft sowohl für Kalligraphie als auch für Tagging verbindet Mhanna in seiner Kunst, die von Wänden bis hin zu Tattoos reicht, Vergangenheit und Zukunft. Seit seinem Umzug von Beirut nach Berlin im Jahr 2021 hat er sein Handwerk weiterentwickelt und zeigt dabei sein Engagement für traditionelle und zeitgenössische Stile.

Bücher, die inspirieren

Im Laufe der Sitzungen füllten sich die Skizzenbücher mit Farben und Bewegung. Die Teilnehmer experimentierten und ließen sich von der Auswahl der Bücher inspirieren, die wir bereitgestellt hatten:

1. „Graffiti School“ von Christopher Ganter
2. „Street Fonts“ von Claudia Walde
3. „Arabic Graffiti“ von Pascal Zoghbi & Karl Don
4. „Subway Art“ von Martha Cooper

Buchstaben erstreckten sich über die Leinwände, überlagert von graffiti-inspirierten Texturen und markanten grafischen Formen. Die Workshops regten zum Experimentieren und zum spielerischen Umgang mit der Kunst an und verwandelten die Bibliothek in ein lebendiges Atelier, in dem künstlerische Identität Gestalt annehmen konnte.

Vom Workshop zur Ausstellung‍

Nach monatelangen Workshops fand das Programm seinen Höhepunkt in einer öffentlichen Ausstellung, durch die die Arbeiten der Kinder einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurden. Die Ausstellung fand bei Spore Initiative in Berlin statt und bot den Kunstwerken die Möglichkeit, ein Publikum jenseits der Bibliotheksmauern zu erreichen.

Warum Programme wie dieses wichtig sind‍

Der Ausstellungsabend war voller Energie: Familien, Freiwillige und Mitglieder der Gemeinde kamen zusammen, um die jungen Künstler und ihre Werke zu feiern. Für viele Kinder war es das erste Mal, dass ihre Kunstwerke öffentlich ausgestellt wurden. Momente wie diese sind wichtig.

Wenn Kinder sehen, dass ihre Ideen ernst genommen werden – an Wänden ausgestellt, fotografiert und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht –, verändert dies ihr Selbstbild. Dank der großzügigen Unterstützung der SPORE Initiative wurde die Ausstellung zu einem eindrucksvollen Fest der Kreativität, Identität und Gemeinschaft. Heute sind die Kunstwerke weiterhin in der GU Britz lilipad-Bibliothek zu sehen, wo sie nun dauerhaft ausgestellt sind.

Kinder, die in Flüchtlingsunterkünften leben, sind oft mit Unsicherheit, eingeschränktem Zugang zu kulturellen Angeboten und Unterbrechungen ihrer Schulbildung konfrontiert. Kreative Programme können diese strukturellen Herausforderungen zwar nicht lösen, aber sie können den Kindern Momente der Selbstbestimmung bieten.

Programme wie Calligraffiti sind immer Gemeinschaftswerke

Ein herzliches Dankeschön an alle Künstler*innen und Moderator*innen, die während der Workshops ihr Wissen, ihre Kreativität und ihre Geduld mit den Kindern geteilt haben. Wir sind auch der SPORE Initiative zutiefst dankbar dafür, dass sie die Abschlussausstellung ausgerichtet und einen Raum geschaffen hat, in dem die Arbeiten der Kinder öffentlich gewürdigt werden konnten. Dieses Programm wurde dank der Unterstützung des Projektfonds Kulturelle Bildung ermöglicht, dessen Fördermittel dazu beitragen, dass Kinder in ganz Berlin Zugang zu bereichernden kulturellen und künstlerischen Erfahrungen haben.

Und schließlich gilt unser herzlichster Dank den jungen Künstlern selbst!

Wir hoffen, Calligraffiti in Zukunft strukturell auszubauen und die Workshops in weitere Berliner Stadtteile zu bringen. Unser Ziel ist es, Programme wie dieses für mehr Kinder zugänglich zu machen, die in Übergangswohnungen leben. 

Quelle:
Konzept und Gestaltung: Mohammad Mhanna und Nour Alabras
Organisiert von Lilipad e.V.
Fotos: Nour Alabras und Marina
Workshops geleitet von Mohammad Mhanna, Taha Sheikh Dieh, Nour Alabras und Jana Gebhard
Unterstützt vom Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung