Eine Bibliothek des Vertrauens
Ein Interview mit Samira, Marokkos erster Lilipad-Bibliothekarin, über die Schaffung sicherer Räume für Mädchen in Casablanca.

In dieser Ausgabe von „Stories from the Field“ sprechen wir mit der lilipad-Bibliothekarin Samira über ihren Werdegang als eine der ersten Bibliothekarinnen bei lilipad und als erste in Marokko. Seit 2021 setzt sie sich dafür ein, die Bibliothek in Casablanca zu einem Ort der Geborgenheit, des Lernens und der Zugehörigkeit für Mädchen zu machen, die in Notunterkünften leben. Diese Geschichte beleuchtet ihre stille Führungsstärke, die emotionalen Bindungen, die sie aufbaut, und wie sie durch Bücher, Geschichtenerzählen und Fürsorge Veränderungen bewirkt.
F: Können Sie uns etwas über Ihre Zeit bei lilipad erzählen?
Ich kam am 1. August 2021 zu lilipad, ohne über Erfahrung im Bibliothekswesen zu verfügen. Zu dieser Zeit hatte ich vor allem durch Sommercamps und Freizeitaktivitäten Erfahrungen im Umgang mit Kindern gesammelt.
Was mir lilipad bot, war etwas ganz Besonderes. Es war nicht nur ein Job, sondern ein Ort, an dem ich lernen, mich weiterentwickeln und neue Wege der Arbeit mit Mädchen entdecken konnte. Durch diese Erfahrung habe ich praktische Fähigkeiten in den Bereichen Storytelling, Theater, Leseförderung und Gruppenanimation erworben.
Ich hatte mich zwar schon vorher damit beschäftigt, aber das war größtenteils theoretisch. Mit Lilipad wurde alles real. Ich lernte direkt vor Ort, durch den täglichen Umgang, durch Ausprobieren und durch den Aufbau von Beziehungen zu den Mädchen. Diese Erfahrung hat mich sowohl beruflich als auch persönlich geprägt.
F: Wie haben sich Ihre Workshops im Laufe der Zeit weiterentwickelt?
Zu Beginn habe ich mich auf einfache Lesestunden konzentriert. Im Vordergrund stand, eine ruhige Atmosphäre zu schaffen und die Mädchen dazu zu ermutigen, sich mit Büchern zu beschäftigen.
Mit der Zeit wurde ich kreativer und selbstbewusster bei der Gestaltung von Aktivitäten. Das Lesen wurde eher zu einem Ausgangspunkt als zu einem Ziel. Wir begannen, Geschichten in Theaterstücke und Rollenspielszenen umzuwandeln und gemeinsame Erzählungen zu entwickeln.
Diese Momente ermöglichten es den Mädchen, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, Gefühle auszudrücken und sich neue Möglichkeiten vorzustellen. Außerdem wurde die Bibliothek dadurch lebendiger – sie war nicht mehr nur ein Ort zum Lesen, sondern ein Ort zum Gestalten.
F: Wie sieht ein typischer Tag in der Bibliothek aus?
Jeder Tag hat seinen eigenen Rhythmus, aber wir versuchen immer, einen positiven Start zu schaffen. Oft beginnen wir mit einem Lied, was dazu beiträgt, eine herzliche und einladende Atmosphäre zu schaffen.
Manche Mädchen gehen zur Schule, andere bleiben in der Bibliothek. Mit ihnen konzentriere ich mich auf die Lese- und Schreibkompetenz und helfe ihnen dabei, Buchstaben zu lernen, zu lesen und Selbstvertrauen zu gewinnen. Aber in der Bibliothek geht es nicht nur ums Lernen, sondern auch darum, sich sicher zu fühlen.
Wir schaffen Momente der Ruhe, in denen wir manchmal gemeinsam Filme schauen, manchmal einfach nur dasitzen, uns unterhalten oder zeichnen. Mit der Zeit wird die Bibliothek zu einem Ort, an dem die Mädchen ganz sie selbst sein können, ohne Druck.
F: Auf welche Aktivitäten reagieren die Mädchen am besten?
Die Mädchen strotzen vor Energie und haben eine besondere Affinität zu Aktivitäten, bei denen es um Bewegung und Ausdruck geht. Sie lieben Tanzen, Singen, Gedichte und alles, was es ihnen ermöglicht, sich frei auszudrücken.
Sie reagieren zudem sehr positiv auf Ermutigung. Wenn sie sich wahrgenommen und geschätzt fühlen, verändert sich ihr Engagement grundlegend. Schon kleine Zeichen der Anerkennung können einen großen Unterschied machen.
F: Wie schafft man es, das Vertrauen der Mädchen zu gewinnen?
Vertrauen braucht Zeit. Am Anfang waren viele der Mädchen zurückhaltend und manchmal ängstlich, vor allem weil sie strenge Regeln und Strafen gewohnt waren.
Mein Ansatz besteht darin, zuzuhören und mich anzupassen. Ich versuche zu verstehen, was ihnen Spaß macht und was sie brauchen, ohne sie zu Aktivitäten zu zwingen. Flexibilität und Geduld tragen dazu bei, einen Raum zu schaffen, in dem sie sich wohlfühlen.
Wenn sie erkennen, dass die Bibliothek ein Ort für sie ist, an dem sie mitreden können und Wahlmöglichkeiten haben, fangen sie ganz von selbst an, sich zu öffnen.
F: Mit welchen Herausforderungen waren Sie auf Ihrem Weg konfrontiert?
Die Arbeit in diesem Umfeld bringt Herausforderungen mit sich. Manchmal können Mädchen, denen es gut geht, durch Gruppenzwang oder schwierige Gruppendynamiken von anderen beeinflusst werden. Solche Situationen können ihr Selbstvertrauen und ihr Wohlbefinden beeinträchtigen.
Diese Momente sind nicht einfach, aber sie machen auch deutlich, wie wichtig der Raum der Bibliothek ist. Er wird zu einem Ort, an dem wir das Selbstvertrauen wieder aufbauen, Unterstützung bieten und sie an ihren Wert erinnern können.
F: Kannst du uns von einem Moment erzählen, auf den du stolz bist?
Es gibt viele kleine Momente, die zählen: ein Mädchen, das zum ersten Mal laut vorliest, ein anderes, das an einer Aktivität teilnimmt, vor der es zunächst Angst hatte, oder einfach nur zu sehen, wie sie lächeln und es genießen, dort zu sein.
Ein Moment, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war, als eines der Mädchen ihr Studium fortsetzte und an der Al-Akhawayn-Universität angenommen wurde. Das war ein sehr bewegender Moment. Er zeigte, dass sich ihre Lebenswege auf eine Weise entwickeln können, die weit über das hinausgeht, was sie sich ursprünglich vorgestellt hatten.
F: Wie hat sich diese Erfahrung auf Sie persönlich ausgewirkt?
Diese Erfahrung hat mich verändert. Sie hat mir ein tieferes Verständnis dafür vermittelt, was Kinderschutz in der Praxis – jenseits der Theorie – bedeutet.
Es hat auch meine Beziehung zu mir selbst und zu anderen verändert. Ich bin geduldiger, aufmerksamer und verbundener geworden. Mein Sozialleben hat sich verbessert, und ich habe neue Gewohnheiten entwickelt, darunter das Lesen. Vor lilipad hatte ich keine besondere Beziehung zu Büchern. Heute ist das Lesen ein fester Bestandteil meines Lebens. In gewisser Weise bin ich gemeinsam mit den Mädchen gewachsen.
F: Welchen Rat würden Sie anderen Sozialarbeitern geben?
Nimm dir Zeit zum Beobachten. Jedes Mädchen ist anders, und es ist wichtig, ihre Situation zu verstehen.
Lerne von anderen, beobachte, wie sie miteinander umgehen, und entwickle deinen eigenen Ansatz. Und vor allem: Ermutige sie zum Lesen. Bücher öffnen Türen. Sie schaffen Raum für Fantasie, Reflexion und Wachstum. Das ist etwas, das ihnen langfristig erhalten bleibt.
F: Worauf bist du bei deiner Arbeit bei lilipad besonders stolz?
Am meisten bin ich stolz darauf, die Veränderung zu sehen – sowohl bei den Mädchen als auch bei mir selbst.
Die Bibliothek ist nicht nur ein Ort, sondern ein Raum, in dem Selbstvertrauen wächst, Stimmen sich erheben und kleine Veränderungen zu größeren Möglichkeiten führen können. Teil von lilipad zu sein bedeutet, Teil dieser Reise zu sein. Und darauf bin ich wirklich stolz.

Chifae Laazouzi
Spenden
Lasst unsere Bibliotheken weiterlaufen
Ihre Unterstützung trägt dazu bei, dass Kinder weiterhin Zugang zu Orten haben, an denen ihre Sprache, ihre Neugier und ihre Fantasie ernst genommen werden.



